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20.07.2017

Kunst- und Kulturvermächtnis gemeinsam in die Zukunft tragen

Marion Gentges MdL am 20.07.2017 im Landtag von Baden-Württemberg:

"Sehr geehrter Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen! Es ist zwar nach diesem lebhaften Vortrag nicht ganz einfach, aber ich möchte versuchen, Sie auf eine Zeitreise einzuladen, um über etwas zu reden, was manche offenbar für unnötig halten, aber ich nicht. Heute vor 50 Jahren erblickte mein Ehemann das Licht der Welt: Der beste Mann in den besten Jahren, auch wenn unsere 13-jährige Tochter das möglicherweise anders sehen könnte. Alt ist er mit 50 jedenfalls nicht.

Vor 200 Jahren – das haben wir gestern gehört – erfand Karl Friedrich Christian Ludwig Freiherr Drais von Sauerbronn das Urfahrrad. Schon daran erinnert sich kaum ein Mitglied dieses Hohen Hauses aus eigener Wahrnehmung. Vor rund 2 600 Jahren bestatteten Menschen nahe der Heuneburg an der oberen Donau eine Fürstin mit kunstvollen Grabbeigaben, Artefakte herausragender Güte, gefertigt in einer Zeit, die nun tatsächlich schon sehr lange zurückliegt. Wie lange aber liegen im Vergleich zu all dem 40 000 Jahre zurück? Zu dieser Zeit schufen Bewohner der Schwäbischen Alb Kunstwerke, Schmuck, Musikinstrumente und Kultgegenstände. Fundstücke dieser Arbeiten werden seit über 150 Jahren Schritt für Schritt ergraben, kontinuierlich er-forscht und publiziert. Die nun von Experten beschlossene Aufnahme der Fundlandschaft als Weltkulturerbe mit dem Titel „Höhlen und Eiszeitkunst der Schwäbischen Alb“ ist die Krönung dieser langen und intensiven Arbeit von unzähligen Beteiligten; ihnen allen darf ich namens meiner Fraktion von Herzen danken. Und die Aufnahme in die Liste des Weltkulturerbes ist zugleich eine große Ehre für die Region und ganz Baden-Württemberg.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, die Funde auf der Schwäbischen Alb sind deshalb so herausragend und bedeutsam, weil uns aus ihnen ein verändertes Menschenbild entgegenblickt. Erstmals weltweit wurden Gegenstände gefunden, die über die Lebens- und Arterhaltung hinausgingen. Der anatomisch moderne Mensch, der Homo sapiens, löste den Neandertaler ab. Es wurden Kunstwerke, Schmuck, Musikinstrumente und auch Kultfiguren gefunden, wie ein etwa 31 cm großer Löwenmensch, ein Mischwesen zwischen einem aufrecht stehenden Menschen und einem Löwen.

Ich wage es bewusst, um die geisteswissenschaftliche Dimension zumindest anzureißen, an den Minotaurus zu erinnern, die altgriechische Sage vom menschenfressenden Mischwesen. Ich erinnere an Pablo Picassos Minotaurusdarstellungen, nur um zu verdeutlichen, welch unglaubliche Brücke in unser Tiefenbewusstsein, in unser kollektives Wissen uns allein aus einem solchen Fund geboten wird – auch für das Heute.

Der Löwenmensch aus dem Hohlenstein-Stadel, Mammutfiguren aus dem Vogelherd, ein Wasservogel und die Venus vom Hohle Fels – nur fingergroß, wunderschön, mit üppigem Leib und Ritzspuren von Kleidung – werden ergänzt durch Pferde, Bär und acht Flöten.

Wie die über 50 figürlichen Objekte sind sie kunstvoll aus Elfenbein und Knochen gefertigt. Alle Funde gemeinsam liefern heute wichtigste Erkenntnisse über die Entwicklung dessen, was wir heute Kunst nennen."